Ein Morgen

oder wie mein Tag in Jharkot begann



 
Aufwachen

Ich blinzle. Ziehe die Decke über den Kopf und gleich wieder herunter. Es hat keinen Sinn. Um mich herum sieht es etwa so aus, wie ich es geträumt habe.

Mein Blick aus dem Fenster
Damit meine ich nicht einfach die vier Holzwände, die meine beiden Betten umgeben, den Stuhl in der Ecke neben dem kleinen Tischchen mit dem kleinen Deckchen, worauf ich nun schon seit zwei Wochen meine Sachen ablagere. Mein Arm taumelt durch die Luft und schwenkt den Vorhang leicht zur Seite. Vorsichtig spähe ich hinaus um mich zu vergewissern, ob denn heute die Sonne wieder scheint. Tatsächlich strahlen hinter den sanften Hügeln die weißen Gletscherspitzen.
Zum Frühstück bestelle ich mir, wohlüberlegt, Schweizer Rösti. Das beste Schweizer Rösti, das ich jemals gegessen habe, und das in Nepal! Während ich warte male ich in das Buch, in dem ich für Dolka die Bestellungen notiere.
Um 8 Uhr sitze ich oben auf der Terrasse und lasse mir die ersten Sonnenstrahlen ums Gesicht streichen. Neben mir auf dem Tisch liegt die Kamera, damit ich endlich ein Foto von den Ziegen machen kann, die jeden Tag fast um die gleiche Zeit vorbei getrieben werden. Trotz des fröhlichen Gebimmels, das man schon bei ihrem Kommen hört, habe ich es nicht geschafft, sie rechtzeitig zu fotografieren, - nur von oben vom Dach, oder von hinten.

Begrüßungen
Self studies stehen 2x täglich am Programm Heute warte ich gar nicht auf die Ziegen, ich gehe gleich hinüber ins Kloster. Der Hof ist leer. Beim Vorbeigehen am Pray Room sehe ich die Kinder drinnen lernen: Self Study Time. Sie lesen laut aus ihren Büchern, wie ein Gebet. „My dog´s name is Tom. He likes to swim in lakes. Tom does not like rain“.
Lhakpa entdeckt mich, wie ich heimlich ins Fenster hineinsehe und winkt mir begeistert zu, als hätte sie so etwas wie mich noch nie gesehen. Ihre Augen leuchten. Ich lege den Zeigefinger auf die Lippen, zwinkere ihr verschwörerisch zu und gehe weiter.
In der Küche kocht Tshering Dolkar, die Tibetischlehrerin, auf einem kleinen Elektroherd. Der Koch ist krank. Noch während sie mir einen guten Morgen wünscht drückt sie mir eine Tasse Tee in die Hand, so wie jeden Tag.

Fragen

Ich setze mich vor die Gompa und beobachte den Hund auf dem Dach. Als ich Sonam, meinen ältesten Schüler einmal gefragt habe, wie er vom Dach herunter kommt hat er nur mit den Schultern gezuckt.

Tshering Dolkar auf den Stufen vor dem Büro
Später habe ich herausgefunden, dass er da oben ist, damit er nicht weglaufen kann. Für die Kinder scheint das völlig logisch. Ich verstehe es nicht ganz. Eigentlich will ich auch gar nicht genauer nachfragen, warum er da oben ist.

In meinem Englisch-Unterricht
Nach der Schule setze ich mich doch gerne auf das Dach und grüble darüber nach. Es gibt hier einiges das mir noch nicht klar ist und einige Fragen lösen sich dann doch ganz von selbst.

Es fällt mir oft sehr schwer mit den Kindern über gewisse Dinge zu reden. Dinge, die für sie völlig klar sind und sie verstehen oft nicht, was meine Frage ist. Andererseits lachen sie so gerne und stellen mir Fragen, über die ich schmunzeln muss. Meine Haare sind ihrer Meinung nach gelb. Blond kennen sie nicht.

Johanna Schlager


<< nach oben

 

<< nach oben


<< nach oben
Schule macht Schule - Nepalprojekt des Musischen Gymnasiums facebook Impressum & Kontakt
Seitenanfang Seitenanfang